Keine Ahnung, wo der ist. Ich bin auch erst gerade gekommen.
Ein guter Zeitpunkt also um über seinen Partner Christoph Grissemann schnell abzulästern.
Wie siehst du Christoph?
Ich glaub das Christoph sehr gut reden kann, und ein super Rhetoriker ist. Wenn du ihn kritisierst, wird er in Windeseile eine Kanonade auf dich losfeuern. Darum kritisiere ich ihn auch nicht. Das ist zu anstrengend.
Ich bin extrem pünktlich und zuverlässig, er nicht. Ich bin eher ein optimistischer Mensch, Christoph eher ein pessimistischer. Ich trinke Wein, er trinkt Bier. Ich interessiere mich extrem für Fußball, er überhaupt nicht. Ich kann sehr gut kochen, er gar nicht. Ich esse gerne, er trinkt gerne.
Aber wir haben beide eine Mutter. (ääh) die beide aus der DDR sind. Das verbindet uns.
Was müsste passieren dass ihr zwei euch wirklich trennt?
Wir haben uns schon oft gestritten und für ein paar Stunden getrennt, aber wir sind dann irgendwie offensichtlich so harmoniesüchtig und kommen immer wieder zusammen. Wir trennen uns erst, wenn einer elendig zu Grunde geht, mit einem Tumor oder so.
Es ist total bizarr, man kennt uns meist nur als Stermann und Grissemann. Wenn man mich im Restaurant trifft ist nie die Frage: ‚Wie geht’s dir?’ sondern ‚Wie geht’s euch?’
Wenn wir ein Angebot bekommen wo aufzutreten, dann meistens immer zusammen. Eine große Ausnahme war „Talk-Radio“ welches wir getrennt und abwechselnd moderiert haben. Wenn wir Kabarettprogramm machen, ist es klar dass wir das zusammen machen, auch die Radiosendungen.
Du hast schon in etlichen Filmen schaugespielt…
… Ja, aber ich bin kein Schauspieler. Zum Beispiel der Christoph, der spielt viel lieber als ich. Ich möchte eigentlich immer nur gar nichts machen. Ich will immer nur so gucken.
Du hast ja auch schon einige Bücher geschrieben. Heißt das, du siehst dich selbst auch nicht als Schriftsteller?
Auch nicht, auch nicht. Ich sehe mich eigentlich als Nichts. Am ehesten sehe ich mit als Radiomoderator, im weiterem Sinne auch als Unterhaltungsfuzzi. Ich rede fürs einfache Volk, und sehe mich auch als Teil davon.
Hast du ein Idol?
Ein Vorbild habe ich keines. Immer wenn ich früher einen gut fand, hat mir mein Vater immer gesagt: „Stell dir vor der sitzt am Klo und hat totale Blähungen“ Das Bild habe ich nun jedes mal, und habe daher auch kein Vorbild im klassischem Sinne.
Apropos Vorbilder, wie hast du Schule erlebt?
Gut. Ich fand Schule super. Christoph hingegen fand sie schrecklich. Ich war in sehr liberalen Schule wo du immer diskutiert hast und wenig lernen musstest. Es wurde ständig das Thema des Tages diskutiert, und diskutiert. In dieser Diskussionsschule gab es auch immer so Friedens-Camps. Unser nettester Lehrer, war Philosophie und Physiklehrer, hat gesagt, er findet das total bescheurt, dass alle die gegen die Bundeswehr sind, zum Zivildienst gehen, weil sonst blieben dort nur die Leute die für das Militär sind. Das hat er dann so klug erklärt, dass ich dann als Vollidiot tatsächlich zur Bundeswehr gegangen bin. Und dort dachte ich so: Wow! Und immer wenn einer deppert ist, sag ich dem: ‚Denk mal drüber nach‘, und diskutier mit ihm. Und dann bin ich innerhalb von Sekunden schwerst depressiv geworden und versuchte zu verweigern. Ich musste aber noch zweieinhalb Monate dortbleiben bis ich verweigern durfte. Dann habe ich das Jahre später dem Lehrer erzählt und er hat gesagt, dass ich ihn völlig missverstanden habe. Er wollte nie dass ich dort hingehe, das war nur ein Denkmodel.
Seine oft tiefgründigen philosophischen Züge kommen immer häufiger in Form von Satire in der ORF Donnerstag Nacht zum Vorschein. Ihre Sendung Willkommen Österreich, ist bekannt für harte Witze, die auch unter die Gürtellinie gehen können. Kann man solche Menschen überhaupt noch ernst nehmen, oder sind das nur noch mehr die lustigen, nicht ernstzunehmenden Clowns der Nation?
Siehst du dich als Lehrer und Aufdecker?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe keine höhere Aufgabe. Ich glaube nicht das Unterhaltung das liefern kann. Unterhaltung ist kein Lehrmeister. Außerdem würde man sich auch immer überschätzen, wenn man glaubt, dass man selber die Welt verbessern kann. Das glaube ich eben nicht.
Ihr nehmt euch bei den Shows kein Blatt vor den Mund. Gäbe es Sachen, worüber ihr nie Spaß machen würdet?
Ich würde mich zum Beispiel nicht über das Leid der Leute lustig machen. Beim Tod Haiders, haben wir uns ja nicht über den Tod lustig gemacht, sondern über die mediale Aufbreitung. Die Trauer von Petzner, da konnte man sich lustig machen, weil das eben so medial inszeniert war. Dass unser Auftritt an der Uni in Kärnten nicht sehr erwünscht war, hat mich nicht wirklich geärgert, aber ich fand es doch ziemlich übertrieben.
Denkst du dir manchmal im Nachhinein: „Oh, Scheiße. Das hätt’ ich jetzt nicht sagen sollen?“
Es ist total peinlich. Wenn du zum Beispiel jemanden kränkst, ohne das man das böse meint. Das ist das Problem, wenn man ständig reden muss. An dieser Stelle würde ich gerne Leo Lukas grüßen, der einmal bei uns zur Sendung war und Christoph irgendetwas total Gemeines über ihn gesagt hat. Daraufhin haben wir einen Brief bekommen – zu Recht – wo er fragt, wieso wir so schlecht über ihn geredet haben, und ob wir uns denn nicht vertragen. Das sind eben so Sachen, die einem rausrutschen, ohne dass man weiß warum.
Ihr habt ja beide beim Radio, bei FM4 gearbeitet. Jetzt sieht man euch im Fernsehen. Gibt es große Unterschiede?
Fernsehen ist viel anstrengender als Radio. Wenn du im Fernsehen moderierst ist es viel nervenaufreibender. Im Fernsehen sind so viele Leute und du spielt teilweise eine Rolle die du gar nicht bist. Du bekommst auch schon am nächsten Morgen gleich die Zuschauerquoten. Es ist sehr anstrengend, aber ich will nicht jammern, denn es gibt auch andere Jobs die anstrengend sind. Das Fernsehen ist aber im Vergleich zum Radio sehr viel aufregender. Zu aufregend für mich.
Habt ihr Angst dass euer Format, Willkommen Österreich einmal für das Publikum fad wird?
Ich glaube bei Late-Night-Formaten ist es etwas anders. Ich sage das jetzt nicht weil ich das mache oder ewig weitermachen möchte, aber ich denk. Dass diese Late-Night-Sendungen schon eher für den Langzeitraum gedacht sind. Die Amerikaner machen ja schon seit Jahrzehnten die gleiche Sendung und stellen sie nicht ein. Sollte dem ORF nicht das Geld ausgehen und sollte keine neue Chefetage einrücken, die unsere Sendung doof findet, so glaube ich, dass wir die Sendung noch lange machen können. Es kommen ja immer wieder neue Gäste und du kannst immer zu aktuellen Sachen reagieren. Im Idealfall würden wir gerne jede Woche eine Aufzeichnung machen, und nicht jeder zweite Woche zwei Sendungen aufnehmen, da du so nicht immer aktuell bleiben kannst. So mussten wir beispielsweise bei der EM, zwei verschiedene Sendungen aufnehmen, je nachdem wie das Spiel ausgegangen ist.
Ihr seid ja nicht mehr die jüngsten, wenn man euch mit dem Publikum vergleicht, welches ihr unterhaltet. Wie geht es euch dabei, wenn sich so viele junge Menschen von euch noch begeistern lassen?
Das hängt glaube ich damit zusammen, dass wir vom Jungradio kommen, also von FM4. Ich finde das wirklich gut, dass uns junge Leute noch zuhören. Es ist ja auch so, dass zum Teil die jungen Katholiken, den Papst geil finden, wenn man sich ansieht, was damals in Köln los war, wo tausende Jugendliche den Papst feierten.
Aber in Berlin haben wir beispielsweise einen Radiosender, der für erwachsene und ältere Leute ist. Das stört mich aber auch nicht. Früher habe ich immer gesagt, das möchte ich nicht, vor alten Leuten zu reden, aber die sind auch nett. Das Publikum ist quasi so im Alter wie eure Lehrer.
Im Publikum sitzen meist links-liberale junge Intelektuelle…
Ja, im Publikum. Aber nicht nur. Zum Beispiel hat mich einmal in einem Lokal der ‚Chefdenker’ von Strache angesprochen und gesagt, dass er unsere Sendung so super findet und ob wir Strache nicht einmal einladen wollen. Also auch solche Leute schauen unsere Sendung.
Nimmt man euch als Comedians in der Öffentlichkeit auch seriös?
Weiß ich nicht genau, aber offensichtlich ja. Ich bin sehr beliebt als Laudator wenn Professorentitel überreicht werden.
Merkt ihr Unterschiede bei den Reaktionen von einem österreichischem und einem deutschem Publikum?
Die deutschen sind schneller schockiert als die Österreicher. Das österreichische Publikum ist härter im Nehmen. Ich glaube, dass das Hinterfotzige und Brutale in Wien anerkannter ist. In Deutschland sind die mehr pissy. Darum würden ja auch praktisch viele Politiker die wir hier haben, in Deutschland gar nicht arbeiten. Die hätten alle zurücktreten müssen. Wir sind das aber schon so gewohnt, wenn ihr einer solche Sachen sagt, dass glaubt man überhaupt nicht. Das ist vielen Wurst. Daher musste als Komiker noch ärgere Sachen sagen, dass es einem hier überhaupt noch auffällt. Und in Deutschland werden die reihenweise ohnmächtig wenn du so etwas sagst.
Gibt es bestimmte Themen oder auch Menschen die ihr gerne verarscht?
Die ganzen Witze über Strache finde ich jetzt schon blöd. Ich kann sie nicht mehr hören. Auf jeder Seite, die uns die Autoren für die Sendung geben, stehen auf jeder Seite mindestens drei Strache-Witze. Es ist so öd. Strache bin ich noch nie live begegnet, nur eben seinem ‚Hirn’, damals im Restaurant. Sein Hirn, hat mich dann auf einen Schnaps eingeladen. Dann habe ich den getrunken und bin höflich geblieben, weil ich das ganz interessant fand. Neben uns stand zuhörend so ein klassischer FM4-Hörer, der jetzt dachte, dass ich auch sehr rechts bin und mich dann anbrüllte: „Des is so widerlich!“ und wutentbrannt davon gegangen ist.
Als damals Bush noch regierte, gab es in jeder Sendung 18 Bush-Witze. Auch die kann ich einfach nicht mehr hören. Alleine deswegen war es schon gut, dass Obama gewonnen hat.
Im Publikum sitzen meist links-liberale junge Intellektuelle…
Ja, im Publikum. Aber nicht nur. Zum Beispiel hat mich einmal in einem Lokal der ‚Chefdenker’ von Strache angesprochen und gesagt, dass er unsere Sendung so super findet und ob wir Strache nicht einmal einladen wollen. Also auch solche Leute schauen unsere Sendung.
Berühmt geworden sind Stermann & Grissemann zum größten Teil wegen dem thematisieren von Nationalsozialismus und rechtsradikalen Gedankengut. Sie befassen sich mit der jüngeren Vergangenheit und verarbeiten sie in ihren Shows, auf teilweise brutale art. Klar, dass jene zwei Herren bei gewissen Gruppen nicht gut ankommen.
Wieso spricht ihr immer wieder das Thema des Nationalsozialismus an?
Es war so, dass wir bei Dorfer gearbeitet haben, und er wollte, dass wir was zu Cordoba machen. Und da ist uns halt eingefallen, dass wir das so machen, dass wir zwei Kriegsverbrecher sind. Und dann wollte Dorfer, dass wir noch einmal die Nazis machen. Wir waren gerade in Berlin, als wir innerhalb einer Viertelstunde einen Text schicken mussten. Im Fernsehen lief gerade eine Kochshow, und da haben wir ruck-zuck diese Kochschau geschrieben. Das schreibt sich ja ganz schnell und braucht auch keinen unglaublichen Witze.
Es reizt so deppert zu reden wie die Nazis. Im Grunde ist das ganz banal und ich finde das auch nicht sonderlich intelligent, dass wir das tun aber es ist ganz lustig. Wenn du dich jetzt über rechtsradikale lustig machst, dann ärgert das die ungelubalihc. Die wollen natürlich, dass wir alle Angst vor ihnen haben, und wenn du dich dann über sie lustig machst, dann treibst du sie zur Weißglut und machst sie wahnsinnig. Und das find ich ganz gut.
Warst du schon einmal bei einer FPÖ/BZÖ Veranstaltung?
Nein noch nicht, also zumindest nicht wissend. Oft ist es ja so dass man es gar nicht weiß.
Würde es dich interessieren einmal in die Politik einzusteigen?
Mein Vater war damals in der SPD, in einem kleinen Ort, wo mich einmal mitgenommen hatte zu einer Veranstaltung zur nächsten Bürgermeisterwahl. Da gab es diesen Kandidaten, der kurz zuvor in eine Scheibe gelaufen war oder so etwas Ähnliches und deswegen am ganzen Körper Pflaster hatte. Und da hat mein Vater gesagt, wenn ich mich jetzt gegen diesen Kandidaten stelle, würde ich gewählt werden, weil keiner diesen Scherben-Typen wählen würde. Es gab aber keinen Gegenkandidaten. Da war dann kurz die Vorstellung, was wäre wenn man mich zum Bürgermeister von diesem Kaff gewählt hätte, nur weil der Andere durch die Scheibe geflogen ist. Dann habe ich aber doch gesagt: ‚Ne, mach ich nicht’
Als ich damals für ein halbes Jahr in Düsseldorf studiert habe, habe ich mich bei der grünen Hochschulgruppe beworben und meine einzige Forderung war ein Schlafraum. Ich war immer so müde, und konnte mich aber nie hinlegen. Ins Parlament, hat man mich dann aber nicht gewählt. Wahrscheinlich war meine Forderung nicht gut genug. lacht
Diese Jahr feiert Deutschland 20 Jahre Mauerfall und die deutsche Einheit. Wie hast du den 9.November 1989 erlebt?
Ich bin ja 1987 - also zwei Jahre vor dem Mauerfall - schon nach Wien gekommen und habe das damals nicht so wirklich mitbekommen. So richtig gemerkt, habe ich es erst, wie ich gesehen habe, dass sie am Wiener Rathaus die deutsche Fahne gehisst haben. Und dann haben sie gesagt, die Mauer ist gefallen. Ganz wurst war mir die Sache natürlich nicht, aber ich hab’s noch nicht so begriffen, das kann ja gar nicht sein. Für mich war das so klar, dass so eine Mauer nie fallen wird. Die DDR, wo ich ja früher gelebt habe, war das fremdeste Land was ich kannte. Es gab kein fremderes Land für mich als dieses. Kurz nach dem Mauerfall bin ich mit dem Christoph in des Ostblock gefahren; weil wir Etwas schreiben wollten. Wir haben damals so ein unglaublich schlechtes Stück schreiben wollen, wo wir beide Hans hießen, und dies in einer Hansestadt schreiben wollten. Also es war total Scheiße, weil da waren wir bei einer Familie die ein kleines Kind hatten und ich esse ja gerne Marmelade mit Käse. Und da habe ich gefragt, ob sie Marmelade haben für mein Käsebrot und dann ist das Kind immer schreiend weggelaufen und hat gesagt: „Die komischen Onkels aus Österreich!“ Da haben wir dann richtig Angst bekommen.
Dort haben wir uns auch mit Hüttchenspielern angefreundet am Strand. Die sind kurz nach der Öffnung aus Rumänien gekommen und haben in Windeseile die DDR leer gemacht. Die waren echt nett, und haben ne super Show gemacht, die haben wir dann später auch noch einmal getroffen.
Er denkt an die Zeiten zurück, und denkt natürlich - in der seiner philosophischen Welt - auch an die Zukunft und was kommt, oder was eben noch nicht kommt. Christoph Grissemann taucht noch immer nicht auf. Man macht sich aber keine Sorgen. Stermann spricht weiter, in seinem ruhigen, monotonen nicht österreichischem Deutsch.
Was würdest du beim Begräbnis von Grissemann sagen?
Ich weiß nicht, ich bin mir nicht so sicher. Ich selbst bin ein Gegner vor witzigen Begräbnissen, ich finde so etwas einfach nicht witzig. Bei dem Begräbnis vom Christoph jetzt, wenn ich ihn zu dem Zeitpunkt noch mag, dann würde ich auf eine äußerst witzige Grabrede verzichten wollen.
Auf die Frage, was auf Grissemanns Grab stehen wird, habe ich geantwortet, dass ich auf Grissemanns Grab stehen werde. Aber was ich genau sagen würde, das weiß ich nicht.
Was würdest du noch gerne erleben?
.. lacht Also bevor ich den Löffel abgebe? Ich würde gerne noch erleben, das Duisburg, mein Lieblingsverein, deutscher Meister wird. Dafür wäre es aber einmal wichtig, in die erste Liga aufzusteigen.
Wenn wir schon beim Sterben sind, Herr Stermann, was werden deine letzten Worte sein?
Ich glaube sie würden mir nicht einfallen. Ich würde irgendetwas sagen wollen, werde es aber dann nicht mehr wissen.
Interview: 6.3.09, Arian Lehner

